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ALLTAG AUF BURG ALPEN

Mag vor wenigen Jahren noch manchen Autofahrer jener auffallende, mit Bäumen bekrönte Hügel vor den Toren des Städtchens Alpen zu langsamerer Fahrt bewogen haben, führt der Lauf der heutigen Landstraße weit an der Innenstadt vorbei. Jenes letzte Überbleibsel einer der größten Burgen des unteren Niederrheins läuft in Gefahr, dem Vergessen anheim zu fallen.

Die ursprüngliche, erste Burg, auf dem Höhenzug westlich der heutigen Stadt gelegen, wurde gegen Ende des 12. Jahrhunderts aufgegeben. Im Tal begannen umfangreiche Bauarbeiten für den Bau einer neuen, durch Wassergräben geschützten Burg. Der Inhaber, Heinrich von Alpen, geriet allerdings in finanzielle Schwierigkeiten. Er verpfändete die Burg an seinen Schwiegervater Gottfried von Hönnepel. In den folgenden Jahren vermochte er nicht, das Pfand auszulösen, so daß die Burg und Herrschaft Alpen verkauft wurden. Pfandherr wurde schließlich Rutger von Garstorf, Edelvogt zu Köln. In seiner Familie (die sich fortan auch "von Alpen" nannte) blieben Burg und Herrschaft Alpen trotz zweihundertjahre dauernder Versuche der Familie des ehemaligen Inhabers, das Pfand auszulösen.

Die einzige Erbin von Burg und Herrschaft Alpen Alveradis von Alpen heiratete Johann von Neuenahr, ihrer beider Sohn Gumprecht von Neuenahr erbte 1418 sowohl die Erbvogtei zu Köln wie die Herrschaft Alpen. Einer seiner Nachkommen, er trug ebenfalls den Namen Gumprecht von Neuenahr 1, ließ 1541 eine Hausordnung für die Burg Alpen schriftlich niederlegen 2, die uns Hinweise auf den Alltag der auf der Burg befindlichen Bediensteten geben kann.

Wegen der Länge des Originals sind nur Auszüge wiedergegeben.

Ordnung vnnd Regimennt so wie Gumprecht grave zue Neuvenar, her zue Alpen vnnd Erbvogte zu Cöllen vnnd vff vnnseres hausses Alpen furgenommen vnnd gesatzt haben vff Martini Ao 41

Irstlich soll yetziger vnnd ein yeder burggreue das hauss inn guter sorg, hut, vnnd verwarung hallten, alss das er aubenntz bey rechter vnnd gepurtig zeyt zu, vnnd morgens bey angeendem tag vnnd nicht ehe vffschließe.

Es soll auch vur dem vffschliessen der khoirwechter vff den thurm sein, wool vmb sich sehen, vurd alsdann zum zaichen des vffschliessens das horen drey mal huin plasen.

Vnnd so der burggreff vffschliessen will sollen die knecht, so hieob schlaff, als jäger, fischer (fussknecht, zween wechter hieob 3) boitelier vnnd stallknecht, mit gewointer hannd, bey vnnd mitt sein, darzu sich die angezaigt diener vleysslichen schick vnnd so palde der tag angeplasen wurdet, vffsteen vnnd volgens ein yeder an sein arbeyt geen soll.

Die wechter so den tag anplasen sollen es nicht ehe besehen, oder was den wachten geen, der tag erscheine dann dermassen, das sie vmb das hauss das gesicht haben mogen vnnd die porten vffgeschlossen sind.

Der burggreff soll vurg. alle nacht eigner person vff den hauss schlaff vnnd vlyssigs offmerk haben, das die wechter yeder zeit sommers vnnd winters so die nacht fergeet, vff den wacht syen, mit vleyss wachen vnd plasen, darzu er sie mit hendn den stock, zu zeit vurg. mit enn schutz, wachens vnd vffmerckig halten soll, alles by peen vnnd straiff wie wie alres gewontig.

Die wechter vnnd portzener sollen allein von Michart bis pascha furung vff den wacht vnd an portzen hallt vnnd das zymmtlich wysse darzu khein eschen, ab dem hauss geben oder verkouff, daruff der burggff vnnd bevelhaber stundliches vffsehens haben soll.. [f 29a]

Bey allen malzeiten der wechter soll der burgff by der hannd sein, vnnd pleyben vnd sehen, das sie fuirdlichen vnnd gepurtiche mit spys vnnd tranck versehen werden volgens sie an ir arbeit od vff die wacht tryben vnnd wysen.

Zu winters soll den wechtern vnnd andernn an ir taffel die supp gegeben werden, styck nach dem vffschliessen vnnd im sommer zu 7 virn, sunst darin gehalt werden zu Sonn vnnd Feyertag wie von alres vnnd wer solch zeit versäumpt soll hiernach vom koch noch boitelier nichtzit gegeben werden.

Michart vnnd bis winterszeit nach enndung der wechter nachtessen vnnd so pald der wechter vff den Mulberg abgeet, soll burggrff die vndersten portzen schliessen die schlüssel mit sich [f 30]

hiervff tragen vnnd also hieob pleyben... Der Koch soll morgens vnnd abendtz by zeit in der kuchin sein, vnnd alles so dan seiner bewaltigung vnnd verwarung vleyssig vnnd getreulich schliessen... Darzu eigner person vnnd nicht durch den diener abspeysen vnnd anrichten zu allen malzeiten.[f 30a]

Wir wollen auch, daß der koch für sich selbs auch seinen diener mit straiff dahin hallt, das nicht ein yeder sy er fremdt oder diener also in die kuchin gelassen werde, sondern soll er die kuchin zugehalten, vnnd vor der thür bescheid geben nach gelegenheit.

Es soll auch zu zeit der malzeiten keiner zu der anrichte steen oder darumb sein, vssgenomen die herigen, so zu den Malzeit vfftragen. Vnser kemerling soll, zu vnnserer taiffel des essens tragen zu vnnd ab.... [f 31]

Brouwer soll zu erheischender zeit getreulich bruen vnnd back, sein bier vnd brott..

Der hussknecht soll syne holz zu brauen vnnd back für das breuehauss tragen er als sols zu seinem geprauch nach wille selbs houwen vnnd spallten.

Ein yed fischer soll sein fischens vleyssig warden vnnd sehen, das zu fastet tag fische an die kuchin geliffert werden...

Er soll auch vffsehens haben, das sunst nyemands fische, fork od korb lege, so einige besuchen, soll ers dem Kellner anzaigen....

soll er mit insehen vnnd helffen das die graben geseubert vnnd rain gehalt werden. [f31 a]

Jager soll sich bis als her mit Jagens vleessig vnnd getreulich hallt vnnd erzaigen vnnd yeder zeit demselben nachgehen.

Der koerwechter soll wie obsteet morgens vff den thurm sein ehe vffgeschlossen wurdet, sich wol vmbsehen vnnd alsdann das horen 3 mal plasen, folgens durch den tag ein yeden zu pfert, fuß und karen nach gewointheit anzaigen...

Oeberst portzener soll morgens zum vffschliessen by der porten sein vnd selbige biß zum zuschliessen nachtz vleeßig verwaren vnd hueten.

Vnderster portzener soll nyemands ins od vfflassen der nicht huß oder hoffgesind... [f 32]

Vnnseren dienern soll der schlaff vnnd vmbtrunck samentlich hieoben gegeben werden zur zeit, als die gelegenheit...

Der stallmeister soll sampt den einen reisigen knecht vff der vnderst portzen sein leger haben... [f 32a]

Grundriß der Burg Alpen, veröffentlicht in: Schmitz (Hrg), "Alpen - Festbuch zur 900-Jahr-Feier", 1974

Wenn der Morgen graute, bestieg der Kurwächter (der Nachtwächter im eigentlichen Sinne) den großen Turm, musterte von dort oben aus, ob auf der weiten Ebene nichts zu sehen war, das auf einen feindlichen Überfall hinwies. War dies nicht der Fall, blies er dreimal in sein Horn und gab damit das Signal zum Öffnen der Tore. Auf dieses Zeichen hin erhob sich das auf der Burg wohnende Burgpersonal.

Der "untere Pförtner" besetzte seinen Arbeitsplatz am Eingang zur Vorburg und verwehrte allen nicht zum Haus- oder Hofgesinde gehörenden Leuten den Zugang. Der "obere Pförtner" hielt tagsüber Wacht an der Pforte zur Hauptburg. Während der Winterzeit unterhielten sie dort ein ständiges Feuer, es war ihnen aber untersagt, Feuerholz unter der Hand wegzugeben oder gar zu verkaufen.

Der Burggraf als Aufseher des Burgpersonals schloß morgens die Tore auf und abends zu, und bewahrte die Schlüssel auf. Auch er schlief auf der Hauptburg und überwachte von Zeit zu Zeit die nächtlichen Runden der Wächter.

Diese wiederum zwei Wächter, je einer für Haupt- und Vorburg, unterhielten ebenfalls im Winter ein Feuer, um ihre Fackeln entzünden zu können. Sie gingen die Nacht über ihre Runden, bis die Pforten aufgeschlossen waren. Danach bekamen sie, wie das übrige Gesinde, ihre Suppe zum Frühstück. Wer zu spät zum Essen kam, bekam nichts mehr mit.

Der Koch bereitete die Morgen- und Abendmahlzeiten zu, trug dafür Sorge, daß niemand Unbefugtes in die Küche gelangen konnte und paßte auf, daß niemand vor der Mahlzeit etwas Eßbares von der Anrichte naschte.

Der Brauer braute Bier und buk Brot (..Heute back ich, morgen brau ich..). Er wurde vom Hausknecht unterstützt, der sich um das Feuerungsholz kümmerte. Die Vorräte wurden durch die Arbeit des Boteliers oder Faßbinders im Keller gelagert.

Der Jäger besorgte das Fleisch für die Tafel, meist wohl Kaninchen und Federwild, eine Arbeit, die den ganzen Tag über dauern sollte, was etwas über die Wildknappheit jener Zeit aussagt. An den Fastentagen und Freitagen hingegen war es Aufgabe des Fischers, für die Tafel zu sorgen. Zudem hatte er die Burggräben vor Verlandung zu schützen und sie zu reinigen.

Das übrige Burgpersonal wohnte in der Vorburg, der Stallmeister und der ihm helfende Knecht schliefen an der Pforte zur Vorburg, um dem unteren Wächter bei Bedarf zur Hand gehen zu können.

Besonders interessant sind die Regeln dieser Hausordnung für denjenigen, der es unternimmt, zwischen den Zeilen zu lesen:

Pflegte der Burggraf oder Befehlshaber des öfteren außerhalb der Burg zu übernachten ?

Sah der Fischer manchmal weg, wenn er jemanden beim Korblegen erwischte ? Zogen die Wächter die Mahlzeiten ungebührlich in die Länge und verkauften unter der Hand Feuerungsholz ? Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen.

Eine rund dreißig Jahre später vom Burgherren Adolf von Neuen-ahr erlassene Hausordnung 4 nennt eine gleiche Anzahl von Leuten, die zum Burgpersonal gehörten. Als Pflicht des Jägers wurde hinzugefügt:

Darzu soll er vnderhalten M.G. herrn jagt alß nemblich vier Jaghundt, zween windt, ein berchhundt vnndt ein wasserhundt 5.

Die Burg Alpen überdauerte rund vierhundert Jahre, bis sie durch das Erdbeben des Jahres 1758 unbewohnbar wurde. Ihre Überreste wurden beim Bau der Chaussée im Jahre 1809 abgebrochen. Heute kündet von ihrer Größe nur noch der baumbestandene Hügel am Rande der Stadt.

Anmerkungen:

1 Gumprecht von Neuenahr wurde 1533 mit Burg und Herrschaft Alpen belehnt (HStAD Kleve-Mark, Akte Nr. 2660, f 5).

2 HStAD Oranien-Moers, Akte Nr. 57, 1541.

3 Nachtrag

4 Interessant ist ein Vergleich mit der 1599 aufgestellten Hausordnung des Moerser Schlosses, aufgestellt auf Befehl der Gräfin Walburg von Neuenahr, Witwe des o.g. Adolf von Neuenahr. Diese Hausordnung ist abgedruckt in: Ottsen, Otto, "Geschichte der Stadt Moers", I. Band, 2. Lieferung, Moers 1950.

5 HStAD Oranien-Moers, Akte Nr. 59, f 3, 05. Mai 1574.

Veröffentlicht Jahrbuch Kreis Wesel 1993. Nutzung, auch auszugsweise, nur unter Beachtung der gängigen Zitierweisen.


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