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Altlasten - ein Rückblick

Im Jahrbuch des Kreises Wesel 1991 befaßte sich ein Artikel mit der Altlastenproblematik, wie sie sich im Kreise Wesel darstellt. Als vermutlich größte Altlast im Kreis wurde die ehemalige Zeche Rheinpreußen Schacht IV in Moers-Hochstrass genannt.

Bei der Ermittlung der von Altlasten ausgehenden Gefährdungen ist die Grundlage jeder Untersuchung eine ausführliche Aufarbeitung des historischen Werdeganges (der Genese) einer Altlast.

Im Falle von Altstandorten (ehem. Anlagen der gewerblichen Wirtschaft oder öffentlicher Einrichtungen) ist das Vorgehen relativ einfach, da zum Zeitpunkt der Planung von Industrieanlagen genehmigungsrechtliche Vorgaben von den zuständigen städtischen oder Kreis- Behörden aufgestellt waren. So mußten etwa die unangenehme Gerüche ausstoßenden Ammoniakfabriken einen Mindestabstand zu der angrenzenden Wohnbebauung einhalten. Kesselanlagen, Bauwerke und unterirdische Behältnisse bedurften der Genehmigung durch die örtlichen Behörden. Daher finden sich in den meisten Stadtarchiven des Ruhrgebiets umfangreiche Genehmigungsakten, in denen maßstäblich die geplanten Anlagen in Lageplänen erfaßt waren. Dies erleichtert die Nachforschungen zur Erstellung einer Bestandsaufnahme aller ehemals vorhanden gewesenen, in Betrieb gegangenen Betriebsanlagen ungemein. Festschriften zu Firmenjubiläen, historische Karten und Stadtpläne, Betriebspläne z.B. in den Landesoberbergämtern, Luftbilder der seit dem Jahre 1926 unternommenen planmäßigen Befliegungen und nicht zuletzt Befragungen von Anwohnern und ehemaligen Betriebsangehörigen führen erfahrungsgemäß zu einer lückenlosen Aufarbeitung der Geschichte eines Altstandortes.

Altablagerungen (Grundstücke, auf denen Abfälle abgelagert wurden, Aufhaldungen und Verfüllungen) hingegen sind in zeitgenössischen Quellen recht selten erfaßt. Da solche geplanten oder wilden Ablagerungen zumeist in Gruben (z. B. Abgrabungen von Ziegeleien) verbracht wurden, können die Pläne der Katasterämter weiterhelfen. Hier sind neben Luftbildern und historischen Karten die Befragungen von Anwohnern wichtigste Quelle über Art und Umfang der Ablagerungen.

Altstandorte und Altablagerungen werden unter dem Begriff Altlast zusammengefaßt.

Als Beispiel für die Untersuchung des Werdeganges eines Altstandortes soll hier der Schacht IV der Zeche Rheinpreußen dienen.

Festschriften und die allgemeine Zechenliteratur geben erste Fakten und Daten und ermöglichen so auch Rückschlüsse auf die damals bekannten (und angewandten) Produktionsverfahren.

1844 bestand der Flecken Hochstraß noch aus drei Gehöften inmitten einer landwirtschaftlich genutzten Niederung. Bis zum Jahre 1894, zu einer Zeit, als die Schächte I und II der Zeche Rheinpreußen in Homberg schon jahrzehntelang die Steinkohle förderten, hatte sich das ländliche Bild nicht geändert.

Am 15.09.1900 begann das Abteufen des Schachtes IV, das Steinkohlegebirge wurde im Dezember 1902 in 131,8 Metern Tiefe erreicht, 1904 wurde die Förderung aufgenommen. Bis 1907 waren die Arbeiterwohnungen für die Belegschaft der Schächte IV und V beendet. Insgesamt handelte es sich um 588 Häuser mit 2349 Wohnungen.

Da die Rheinpreußen-Schächte zu den modernsten ihrer Zeit gehörten, wurden sie in zeitgenössischen, grundlegenden Werken zum Bergbau gerne vorgestellt. Insbesondere die Anordnung der Tagesanlagen galt als vorbildlich.

Das Bild aus der Vogelperspektive läßt die Arbeitsvorgänge deutlich werden. Der Kumpel betrat durch das von Pförtnerhäuschen flankierte Eingangstor das Zechengelände. In der Waschkaue (2) zog er sich um, hängte seine Kleidung an eine von der Decke herabhängende Kette und zog diese Kette anschließend bis hinauf unter die Decke. Er konnte dann durch den Verbindungsgang (5) direkt zum Schacht gelangen. Dies war von Bedeutung besonders, wenn die Kumpel verschwitzt ausgefahren waren und so direkt in die Kaue gelangen konnten. Die Fördermaschinen (6 und 7) zogen über Seile, die über das Schachtgerüst (10) liefen, die geförderte Kohle ans Tageslicht. In der Separation (11) sortierten ältere Kumpel und Anlernlinge die Kohle nach ihrer Größe. Größere Stücke wurden direkt in Waggons geladen, kleinere wurden in der Wäsche (12) durch einen Waschvorgang vom tauben Gestein (Bergematerial) getrennt. Die Feinkohle gelangte schließlich über den Kohlenturm in die Kokereikammern.

Bei der Verkokung wurde Steinkohle unter Luftabschluß erhitzt, bis die Rohgase dem Kuchen entwichen. Während der Koks nach einer gewissen Garungszeit ausgedrückt, abgelöscht und verladen wurde, gelangten die aufsteigenden Rohgase noch während des Garungsprozesses in ein auf dem Dach der Kokerei verlaufendes Rohrsystem. Schon hier abgekühlt, strömte das Gas in hoch aufragende Kühler (21). Das Kondensat wurde im Scheidebehälter in Teer und Ammoniakwasser getrennt, der Teer dem Tiefbehälter zugeführt. Nach den Gaskühlern passierte das Rohgas einen Teerabscheider, in dem die letzten Teerbestandteile entfernt wurden. Das Rohgas passierte in der Ammoniakfabrik (14) einen Sättiger, der mit Schwefelsäure gefüllt war. Beim Durchgang des Gases entstand in kristalliner Form das schwefelsaure Ammoniak. Mit Schöpfkellen wurde das Salz in Trocknern geschleudert und anschließend im Salzlager aufbewahrt. Das Salz wurde als Düngemittel verkauft, aber auch zur Herstellung von Explosivstoffen genutzt.

Die Kokerei besaß 1907 60 Regenerativ-Öfen in drei Batterien sowie einen Feinkohlenturm, dem zwei Entwässerungsbänder die Kohle von der Wäsche über die Bahngleise zuführten. Es waren jedoch von Beginn an 120 Öfen geplant. Zur Nebenproduktengewinnung gehörten nach einem Plan aus dem Jahr 1902 das Maschinenhaus der Kokerei (15) mit Kühlanlagen, die Ammoniakfabrik (14) mit Waschern (21), Gasreiniger mit einem Tiefbehälter (16) und Gasometern (22).

Die sonst so hilfreichen, baupolizeilichen Genehmigungsakten waren weder im Moerser Stadtarchiv noch in den laufenden Aktenvorgängen der Stadt vorhanden. Hier fanden sich nur Akten, die sich auf die Zeit nach dem 2. Weltkrieg bezogen. Eine Zweitschrift der Genehmigungsakten wurde damals an die Bergämter (hier Krefeld) weitergegeben. Doch diese Akten müssen infolge von Kriegseinwirkungen verlorengegangen sein. Außer den Akten, die noch beim Oberbergamt in Dortmund lagern, fand sich im Stadtarchiv Duisburg unter den Akten, die die Schachtanlage Rheinpreußen I/II betreffen, die Akte über die Erweiterung und den Umbau der Ammoniakfabrik, die 1915 in Angriff genommen wurde. Auf der Grundlage des dort abgebildeten Lageplans und mit Hilfe zeitgenössischer Photographien wurde die hier abgebildete dreidimensionale Darstellung angefertigt.

Es ist inzwischen allgemein bekannt, daß bei der Kohlenveredelung Zwischen- und Endprodukte hergestellt wurden, die bei entsprechenden Mengen toxisch wirken können. Dennoch sollten alte Industriestandorte einer neuen Nutzung zugeführt werden. Dies gilt besonders zu einer Zeit, da die Zersiedlung der Landschaft auch bisher unberührte Landstriche des unteren Niederrheins nicht verschont. Mit Hilfe von Sanierungsmaßnahmen (z.B. Bodenwäsche, Bodenluftabsaugung, Grundwasserreinigung) und/oder baulichen Maßnahmen (z.B. Bodenabdeckung, -versiegelung, -abtragung) können Altstandortflächen in auf vielerlei Art zu nutzende Neubauflächen umgewandelt werden.

Zu fordern ist zudem mit der Erhaltung der noch vorhandenen Baudenkmäler die Rückbesinnung auf eine industrielle Vergangenheit. Es gibt keinen Grund, sich der Einflußnahme der Steinkohlenbergbaues zu schämen, denn durch den Zuzug des Bergbaues entstanden aus ländlichen Dörfern kulturelle, wirtschaftliche und verkehrspolitische Zentren mit einer Anziehungskraft, wie sie heute die Stadt Moers bietet.

Literaturverzeichnis:

- CLEFF, Wilhelm, "Zeche Rheinpreußen - ein deutsches Steinkohlenbergwerk", (= Stätten deutscher Arbeit 6), Berlin 1932.

- FRICKE, K., "Die Bodenschätze des linken Niederrheins" in: Heimatkalender Kr. Moers 1953, S. 17 - 23.

- KOST, Heinrich, "100 Jahre Bergbau am linken Niederrhein" in: Heimatkalender Kr. Moers 1952, S. 17 - 22.

- VEREIN für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamt Dortmund (Hrsg.), "Die Entwickelung des niederrheinisch-westfälischen Steinkohlenbergbaues in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts", 9 Bde., Berlin 1902-1905).

- WEHLING, Hans-Werner, "Werks- und Genossenschaftssiedlungen im Ruhrgebiet 1844-1939, Bd.I Kreis Wesel", Essen 1990

Veröffentlicht Jahrbuch Kreis Wesel 1995. Nutzung, auch auszugsweise, nur unter Beachtung der gängigen Zitierweisen

 


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