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HOMBERGER BÜRGER FÜR IHRE UMWELT - VOR 90 JAHREN -

Seit dem Mai 1857 hörten die Einwohner des bis dahin eher vergessenen Dorfes Homberg das rhythmische Stampfen der Dampfmaschine, die die Kraft zum Abteufen des Schachtes I des Steinkohlenbergwerkes Rheinpreußen lieferte. Das Abteufen gestaltete sich wegen Schwimmsandeinbrüchen schwieriger als erwartet, doch die gewonnenen Erkenntnisse ermöglichten das weitaus schnellere Abteufen des benachbarten Schachtes II, der am 04. Dezember 1876 die Förderung aufnahm.

Doch es war nicht die Kohle allein, deren Verkauf Gewinn versprach, schon früh waren im Ruhrgebiet Versuche gemacht worden, aus der Kohle die flüchtigen Bestandteile zu entfernen. Bei der Erhitzung der Kohle unter Luftabschluß werden bei etwa 500 die Gase freigesetzt. Zurück bleibt der blasige Koks, der Rohstoff für den Betrieb der Hüttenwerke war.

So wurde auch auf dem Bergwerk Rheinpreußen schon drei Jahre nach der Aufnahme der Kohlenförderung jenseits der Zechenbahngleise eine Kokerei errichtet. In den 100 Zellen der Flammöfen-Kokerei wurde die Steinkohle etwa 24 Stunden soweit erhitzt, daß die gasförmigen Bestandteile aus der Kohle entwichen und der fertige Koks über eine Brücke zur Schiffsverladung am Rhein befördert wurde.

Die gasförmigen Bestandteile, die bei den ersten Kokereien nicht genutzt wurden, enthielten jedoch wertvolle Inhaltsstoffe wie Stickstoffverbindungen, Teer und Aromaten, deren Nutzung große Gewinne versprach.

Die Gewinnung dieser "Nebenprodukte" erforderte große Investitionen. Neben einer völlig neuen Form der Kokerei mußten auch die chemischen Apparaturen zur Gewinnung der Nebenprodukte errichtet werden. Die 1905 geplante Anlage zur Gewinnung von Ammonium-Sulfat kostete:

2 Destillierapparate

12.000 Mark

1 Zentrifuge

2.000 Mark

3 Sättigerkästen, 3 Abtropfkästen

5.400 Mark

Rohrleitungen

2.000 Mark

1 Schwefelsäurebehälter

800 Mark

1 Kalkrührwerk

800 Mark

Gebäude nebst Grundstück

17.000 Mark

 

40.000 Mark

In der neuen Kokerei wurde das aus der Kohle entweichende Gas aufgefangen und über Rohrleitungen, Gaskühler und der Teerscheidegrube zur Ammoniakfabrik geleitet. Dort wurde das Rohgas durch Schwefelsäure geleitet, wodurch in den Sättigerkästen kristallines Ammoniumsulfat entstand, das als Düngemittel in der Landwirtschaft, später im Kriege als Rohstoff für die Sprengstoffherstellung weite Anwendung erfuhr. Auch das Steinkohlenbergwerk Rheinpreußen wollte diese technische Neuerung nutzen.

Hatte der Lärm der Maschinen, die Zunahme des Verkehrs und die Schwaden aus den Gradierwerken und Kaminen die Ruhe der südlich und östlich der Zeche wohnenden Bürger nun schon seit 25 Jahren gestört, so war bekannt, daß bei der Gewinnung der Nebenprodukte auch Emissionen freiwurden, deren unangenehmste und schädlichste der Schwefelwasserstoff war, dessen Geruch an faule Eier erinnert.

Aus diesem Grund wurde von der Baupolizei ein Mindestabstand zu den benachbarten Wohngebäuden gefordert.

Am 21. Oktober 1904 stellte die Direktion des Steinkohlenbergwerkes Rheinpreußen ein Baugesuch zum Neubau eines Laboratoriums und einer Ammoniakfabrik, an dessen Rand die Bürgermeisterei am 09. Januar 1905 Anmerkungen zufügte:

9/1.05 Wir beabsichtigen auf unserer Schachtanlage I+II

in der Gemeinde Hochheide ein Laboratorium und

1.) Erlaubnis ist zu erteilen eine Ammoniakfabrik nach anliegenden Zeich-

Nr. 7 u. 8 nungen zu errichten.

2.) Gebühren wird Mk 10- Die Gebäude werden den baupolizeilichen Be-

zu erheben stimmungen entsprechend, massiv mit Dach-

ziegeleindeckung hergestellt.

3.) Der Polizei zur Kenntnis Alles übrige geht aus den anliegenden Zeich-

nungen und Lageplan hervor.

4.) Zu den Akten Wir bitten um gefällige Erteilung der baupolizei-

lichen Genehmigung

Hochachtungsvoll

An das Steinkohlen-Bergwerk

Bürgermeisteramt in Rheinpreußen

Homberg Die Direktion

Von der Bürgermeisterei Homberg wurde am 09. Januar 1905 die Erlaubnis zum Bau der Gebäude erteilt:

Gemeinde-Bürgermeister 9/1/05

Dem Bergwerk Rheinpreußen zu Homberg ist hiermit die Erlaubnis erteilt worden, auf dem Grundstück zu Hochheide Schacht I+II, Flur IV, Parzelle No 1952/8 ein Laboratorium + eine Ammoniakfabrik zu errichten.

Die Rohbauabnahme erfolgte schon am 01. Januar 1905, die Schlußabnahme laut des Schreibens vom 20.06.1905 bereits am 15. April 1905. Nach der Fertigstellung der Gebäude wurde die übergeordnete Behörde ebenfalls um Genehmigung gebeten :

22.Mai 1905 Kgl. Landrat von Laer

Wir erlauben uns, Euer Hochwohlgeboren in der Anlage, Beschreibung und Zeichnungen in dreifacher Ausfertigung von der auf unseren Schächten I/II zu errichtende Fabrik zur Herstellung von schwefelsaurem Ammoniak zur geneigten Prüfung und Genehmigung ergebenst zu überreichen

Hochachtungsvoll

Steinkohlenbergwerk "Rheinpreußen"

Die Direktion

Pattberg

Der Landrat übergab die Akte dem Gewerbe-Inspektor zu Wesel. Dieser schrieb:

Der Kgl. Gewerbe-Inspektor Wesel, den 27. Mai 1905

Z No. 319

Urschriftlich nach Prüfung zurückgesandt. Diesseits sind die folgenden Bedingungen in Vorschlag zu bringen:

1) Der guten Abdichtung der Apparate und Rohrleitungen ist besondere Aufmerksamkeit zu widmen

2) Außerhalb der Arbeitsräume, aber in nächster Nähe derselben ist eine Maske (Sauerstoffapparat) bereit zu halten, um bei etwaiger Gefahr ein Eindringen in die mit Ammoniakgase gefüllte Räume ermöglichen zu können

3) Die Abwässer dürfen nur in geklärtem Zustande und vollständig neutral abgelassen werden.

Der Bürgermeister Wendel und die Polizei-Verwaltung Hombergs machten am 20. Juni 1905 öffentlich bekannt, daß das Steinkohlenbergwerk Rheinpreußen beabsichtige, eine Ammonium-Sulfat Fabrik zu errichten. Einwendungen gegen diese Anlage seien binnen 14 Tagen bei der untergeordneten Stelle schriftlich einzubringen. Die mündliche Erörterung wurde auf den 20. Juli 1905 festgelegt.

Nachdem mehrere Einwendungen von Anwohnern erhoben worden waren, riet die Kanzlei den Einwendern, sich durch einen gemeinsamen Bevollmächtigten vertreten zu lassen. Die Einwender wählten den ortsansässigen Anwalt Kirfel zu ihrem Vertreter. Bei der Anhörung waren außerdem zugegen die Herren P. Lenzen, Arnold Herkendell und Dietrich Blittgens. Die Anhörung führte zu keiner gütlichen Einigung.

Daraufhin legte der Anwalt Kirfel im Namen der Einwender Frau Hermann Herckendell, Arnold Herckendell, W. J. Falkenburg, Johann Küppers, Wilhelm Schürmann, Johann Heckmann, Wilhelm Bruckschen, Friedrich Geis, Georg Bongartz, Peter Küppers, Peter Barzen, Gerhard Kuhnen, Peter Leisen, Balthasar Kölfen, Heinrich Overdick, Wwe. Optenhostert, Peter Batters, Johann Berns, Dietrich Blittgens, H. Gehnen, Wwe. Koopmann, Peter Woitosch, Wilhelm Löll, Peter Lenzen und Gerh. Maus am 01. September 1905 noch einmal schriftlich aus: .. Die Anlage ist durch die Entwicklung von Schwefel und anderen Dämpfen gesundheitsschädlich und führt dadurch erhebliche Gefahren und Nachteile für die Gesundheit mit und ferner auch Nachteile für die Nachbarn, insofern deren Grundstücke minderwertiger werden und bringt durch die übermäßige Entwickelung übelriechender den Atem raubender Dämpfe erhebliche Belästigungen für das ganze Publikum, nicht nur für die Nachbarn mit sich.

Er stellte den Antrag, daß eine Ortsbesichtigung mit Sachverständigen durchgeführt werden solle, daß der Betrieb der seit 2 Monaten fertiggestellten Fabrik nach 15 der Gewerbe-Ordnung verhindert werde, da die formelle Genehmigung zum Betrieb noch nicht erteilt sei und stellte Strafantrag nach 147 der Gewerbeordnung gegen die Zeche Rheinpreußen.

Inzwischen lichteten sich die Reihen der Einwender. So boten P. Lenzen, Dietrich Blittgens und beide Herckendeels der Zeche die Rücknahme der Einwendung an, wenn diese die Grundstücke unter bestimmten Bedingungen kaufen würde.

Frau Herckendeel schrieb am 01.September 1905:

Die Ammonium-Sulfat-Fabrik ist annähernd zwei Monate in vollem Betriebe und ich habe seit der Zeit unter Rauch und Gestank derselben zu leiden. Da ich nun jedesmal davon krank werde, so bin ich gezwungen, mein Haus zu räumen und dasselbe der Zeche Rheinpreußen zur Verfügung zu stellen, sobald dieselbe die Konzession zum Betrieb dieser Fabrik erhält.

Die Zeche Rheinpreußen beeilte sich zu versichern, daß eine definitive Inbetriebnahme der Ammoniakfabrik nicht vorgenommen ist. Die einzelnen Apparate der Anlage sind versuchsweise ab und zu in Betrieb genommen, um den Gang und die Dichtigkeit derselben festzustellen Pattberg

Der Ortstermin am 05.April 1906 wurde wie folgt protokolliert:

Bei der heute vormittag stattgehabter Besichtigung der Ammonium-Sulfat-Fabrik durch die Herren Landrat, Kreisarzt, Gewerbe-Inspektor u.d. Unterzeichneten hat sich herausgestellt, daß von einer Belästigung der Anwohner durch Ausströmen von gesundheitsschädlichen Dämpfen keine Rede sein kann.

Daraufhin erhielt die Zeche Rheinpreußen am 07. April 1906 vom Landrat von Laer die Erlaubnis zum Betrieb der Anlage mit den drei einschränkenden Bedingungen des Gewerbe-Inspektors über die Dichtigkeit der Rohre, die Sicherheitsvorschriften und die Klärung der Abwässer.

Seit jener Zeit mußten die Anwohner mit den Emissionen der Anlage leben oder ihre Grundstücke verkaufen und wegziehen. Daß die Einwände gegen Emissionen nicht unbegründet gewesen sein können, zeigen die Klagen des Lehrers, daß beim Anlassen der Gassauger die Wände der Schule (und seiner Wohnung) so wackelten, daß die Schüler dem Unterricht nicht mehr folgen könnten.

Die Anlagen der Nebenproduktengewinnung der Zeche Rheinpreußen wurden in den folgenden Jahren weiter ausgebaut. Neben einer 1907 geplanten Benzolgewinnungsanlage wurde die Ammoniakgewinnung 1912 wesentlich ausgebaut. Auch nachdem der eigentliche Zechenbetrieb (Förderung) 1925 eingestellt worden war und die Kokerei 1937 abgerissen worden war, diente das Gelände der ehemaligen Nebenproduktengewinnung weiterhin der Erzeugung chemischer Produkte. Während des 2. Weltkrieges wurde eine Anlage zur Produktion von Schmieröl errichtet, die nach dem Krieg zunächst Waschmittelprodukte herstellte, dann wieder Schmierstoffe erzeugte. Heute erinnert nur noch der von der Duisburger Straße aus sichtbare Malakoffturm an das Leben der Homberger von und mit ihrer Zeche.

Veröffentlicht Jahrbuch 1994/95. Nutzung, auch auszugsweise, nur unter Beachtung der gängigen Zitierweisen.

 


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