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ANGESTELLTENRAT AUF ZECHE RHEINPREUSSEN, SCHACHT IV, IN DER WEIMARER REPUBLIK

Im Moerser Stadtteil Hochstraß werden die noch vorhandenen Gebäude der Zeche Rheinpreußen Schacht IV restauriert und einer neuen Nutzung zugeführt. Weithin sichtbares Zeichen für den Erhalt eines für die Entwicklung des Moerser Stadtgebietes so wichtigen Denkmales sind die eingerüsteten Streben des Förderturmes.

Am 15.09.1900 begann das Abteufen des Schachtes IV, das Steinkohlegebirge wurde im Dezember 1902 in 131,8 Metern Tiefe erreicht, 1904 wurde die Förderung aufgenommen. Im selben Jahre wurde mit dem Bau von Arbeiterwohnungen für die Schächte IV und V begonnen.

In den folgenden Jahren erreichte die Steinkohleförderung sowie die Gewinnung der Kohle-Nebenprodukte (Ammoniak, Benzol und Teer) nie gekannte Ausmaße.

Der erste Weltkrieg setzte diesem Expansionsstreben ein Ende. Anstelle der im Felde stehenden Kumpel wurden Heranwachsende, Frauen, Fremdarbeiter und Kriegsgefangene zur Sicherung der Produktion eingesetzt. Die schlechte Versorgungslage, die langandauernde Arbeitszeit und die latent vorhandenen Spannungen zwischen Arbeitern, Angestellten und der Direktion führte bereits im Jahre 1916 mit dem Hilfsdienstgesetz zu der Bildung von Arbeiter- und Angestelltenausschüssen.

Mit der Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten, dem Waffenstillstand und der Ausrufung der Republik stellte sich erneut die Frage nach der zukünftigen Ausgestaltung der betrieblichen Mitbestimmung.

Der politische Umsturz im November 1918 hatte sich im Ruhrrevier im allgemeinen ohne größere Unruhen vollzogen. Im Vordergrund standen Wünsche nach Lohnerhöhung und Verkürzung der Arbeitszeit. Aber auch die Milderung der betrieblichen Kontrollen, Abschaffung des Fahrsteigersystems, Änderung der Strafordnung und die Maßregelung mißliebiger Vorgesetzter wurden gefordert.

Nach der Verabschiedung der Weimarer Reichsverfassung gelangte ein Regierungsentwurf über die betriebliche Mitbestimmung vor die Nationalversammlung. Mit einigen Abänderungen wurde er im Januar 1920 verabschiedet. Hier wurde zwischen dem eigentlichen Betriebsrat sowie den (älteren) Arbeiter- und Angestelltenausschüssen unterschieden. Die letzteren sollten sich mit den laufenden innerbetrieblichen und sozialen Fragen der Belegschaft befassen. Welche Spuren die täglichen Sorgen und Nöte der Angestellten (z.B. nur drei Monate nach dem Kapp-Putsch und den blutigen Kämpfen an der Ruhr zwischen der Roten Ruhr Armee und rechtsgerichteten Freikorps) in den Angestelltenrat-Versammlungen hinterließen, sollen Auszüge aus dem in Privathand befindlichen Protokollbuch des Angestellten-Rates der Zeche Rheinpreußen, Schacht IV, verdeutlichen.

Sitzung des Angestelltenrates am 29.05.20

nachm. 4 Uhr

Erschienen waren außer den 5 Angestellten-Vertretern (Weitz, Hornung, Kohlstadt, Terschüren und Levermann) als Vertreter des Arbeitgebers: Herr Direktor Unterberg, Herr Inspektor Blume und Herr Obersteiger Sichelschmidt. Herr Direktor Unterberg ließ den ihm zugedachten Vorsitz an Stgr. Weitz zurückgehen. Letzerer nahm den Vorsitz an und eröffnete die Sitzung. - Auf der Tagesordnung stand:

1. Gesuch des Verlademeisters Hackstein, des Waschmeisters Prein und des Werkstattmeisters Hornung um Einreihung in eine höhere Gehaltsklasse.

Zu diesem Punkte erklärte Herr Direktor Unterberg, daß die Werkstattmeister zukünftig in Gestalt um monatl. 750 Mk höher gesetzt seien, als im Tarif maßgebend sei. Die Waschmeister seien in Gruppe a eingereiht worden und die Verlademeister, die dem techn. Schichtmeister unterständen wären auch in Gruppe a, trotzdem sie in b gehörten. Damit war Punkt 1 erledigt.

2. Endgültige (Regelung der ) Bezahlung von Sonntags- bzw. Überarbeit. a. Grubenbeamte, b. Tagesbeamte

Stgr. Weitz führte einige Fälle an, in denen von der Werksverwaltung noch Überstunden an Untertagesbeamte zu zahlen seien: (Heckmann, Hagemann, Sauer.) Es wurde von Herrn Dir. Unterberg auf die 7 und 8 des Tarifvertrages hingewiesen. Was über 1/2 Std der gewöhnlichen Schichtzeit verfahren wird, wird als Überschicht bezahlt. Siehe protokollarische Erklärung. Es wurde in allen 3 Fällen eine Nachzahlung zugesagt. Der Antrag des Fördermaschinisten Terschüren betreffs Bezahlung einer alle 8 Wochen zu verfahrenden Nachtschicht als Überschicht wird bewilligt. Fördermaschinist Holtschneider bekommt demnach vom Monat April noch eine Überschicht nachbezahlt.

3. Gesuch des Fördermaschinisten Holtschneider betreffs Lebensversicherung

Die Sache soll wohlwollend geprüft werden.

4. Urlaubsfrage

Der Urlaubstag soll zukünftig mit einem Wochentage beginnen und ende mit einem Sonn - bzw. Feiertage.

5. Wohnungsfrage

Stgr. Weitz brachte zur Sprache, daß verschiedene Dienstwohnungen sehr reparaturbedürftig wären. Es seien wiederholt Versprechungen gemacht worden, die Mängel zu beseitigen, aber dabei sei es auch geblieben. Nun wurde wiederum zugesagt, daß die betreffenden Mängel in kurzer Zeit beseitigt werden sollten. Auch sollten gewisse Grundsätze aufgestellt werden, die angeben, wie oft und in welchem Zeitraum eine Dienstwohnung ausgebessert werden soll. Dann soll die Vergebung einer Dienstwohnung nur nach dem Dienstalter des betreffenden Beamten der Reihe nach erfolgen. Lehnt der in Frage kommende Beamte die Wohnung ab, so tritt er als letzter auf die betreffende Liste. Die Coloniewohnungen der Zechenbeamten sollen zukünftig auch mehr berücksichtigt werden. Der Antrag Terschüren, in den Kellerräumen eine elektr. Lampe anzubringen, wird zugesagt.

Der Fall des Zechenangestellten Schmitz soll nachgeprüft werden. Schmitz bewohnt mit 9 Personen 4 Zimmer, der nebenwohnende Arbeiter mit 4 Personen auf 4 Zimmern. Es soll ein Ausgleich stattfinden. Schmitz soll 1 Zimmer von dem Arbeiter erhalten.

Dem Stgr. Dern ist der Antrag betreffs Stallbau zugesagt worden.

Die Festsetzung einer Mindestwohnzeit der Wwe verunglückter bzw. verstorbener Zechenangestellten in Dienstwohnungen soll angestrebt werden.

6. Putzdienst der Fördermaschinisten

Es wird den Fördermaschinisten 2 mal wöchentlich 2 Std ein Junge zum Schrubben des Maschinenraumes gestellt.

7. Fahrgeldvergütung der auswärts wohnenden Angestellten. Es wurde von Seiten der Angestellten einige Fälle angeführt, wo den auswärts wohnenden kaufm. Angestellten eine Wochenfahrkarte von der Zechenverwaltung bewilligt worden sei. Darauf erwiderte Herr Direktor Unterberg, daß auf jeden Fall eine Gleichberechtigung obwalten solle. Würde den betreffenden kaufm. Angestellten eine Fahrkarte bewilligt, so wäre auch für die anderen Angestellten eine Fahrvergütung angängig. Es soll in dieser Sache eine Nachprüfung stattfinden.

8. Kleinere Anfragen

Die Zechenfeuerwehr soll Sorge tragen, daß fremde Leute ihr Vieh nicht an den Zechenwegen weidet. Der wilden "Kaninchenplage" soll abgeholfen werden, soweit es sich machen läßt. Die gelieferten Erbsenreiser sollen dem Wert entsprechend verbilligt werden. Dem Holzlieferanten soll seitens der Zeche eine Reklamation eingesand werden. Die Mängel in der Steigerkaue sollen sofort beseitigt werden. Das Reinigen der Steigeranzüge besser bewerkstelligt werden.

Schluß der Sitzung 5.30 Uhr.

Der Vorsitzende Der Schriftführer

[gez.] Weitz [gez.] Kohlstadt

Betriebsdirektor

Sitzung des Angest. Rates Schacht 4 vom 9.2.21 3 1/4 Uhr N.

Tagesordnung

1. Verlesen des Protokolls der Sitzung vom 19.10.20

2. Tarifvertrag 4, 8, 11, 12, 14

3. Verpflichtung weiterer Steiger

4. Wohnungsfragen

5. Lehrkameradschaften

6. Vorschläge 66, Abs. 1

7. Verschiedenes

Anwesend waren: Herr Betr. Direktor Unterberg, Herr B. Inspektor Blume, Herr Obersteiger Sichelschmidt und der Angestelltenrat.

Da zu Punkt 1 nichts einzuwenden ist, erklärt Stgr. Weitz das Protokoll für genehmigt

Zu Punkt 2 4, Dienstalter. Der Antrag des Stgr. Hampel wird, da derselbe zur Zeit seiner Einberufung noch nicht auf der Schule war, als unentschieden zurückgestellt.

11 Lebensversicherung. Die Direktion wird gebeten, die Verrechnung der abgeschlossenen Versicherungsanträge zu übernehmen. Begründung: Laut Tarif sind die Steiger und die im gleichen Rang stehenden Angestellten für 1500 M und alle anderen für 1000 M zu versichern, sofern das 30te Lebensjahr noch nicht überschritten ist. Die Angestellten erblicken darin eine Härte, eine Zurückweisung für diejenigen, die über 30 Jahr sind. Da dieses nun der größte Teil der Angestellten ist, wird die Direktion gebeten, die bereits getätigten Abschlüsse zu verrechnen, alldings nur im Sinne des Tarifvertrages und die mehr zu zahlenden Prämien den Versicherten nicht einzuhalten. Auf die Frage des Herrn Direktor warum sich die Angestellten bei der "Wilhelma" und nicht bei der Gothaer "Lebensversicherungsgesellschaft" versichert hätten, erklärt Stgr. Weitz, daß die "Wilhelma" der "Gothaer" gegenüber Vorteile biete. Der Herr Direktor hat gegen den Antrag nichts einzuwenden und erklärt, daß es ihm gleichgültig sei, bei welcher Gesellschaft sich die Angestellten versichern ließen.

Ein weitere Antrag geht dahin, daß die Verwaltung die Versicherungsanträge (privat) der Stgr. Hillmer, Bergfeld, Heidemann und Wanders verrechnen möge und die in Frage kommende Sa den betreffenden Steigern monatlich in Abzug bringen solle. Der Herr Dir. sieht hierin keine Schwierigkeit.

8 Urlaub. Stgr. Weitz bittet in Anbetracht der großen Angestelltenzahl und der tariflichen Bestimmungen, keine Härten eintreten zu lassen und den Urlaub, so weit es der Betrieb gestattet, in die Frühjahr- Sommer- und Herbstmonate zu verlegen, damit der Winter als Urlaubszeit ausgeschaltet werden könne. H. D. Unterberg erklärt, daß jede Härte vermieden werden soll, der Urlaub schon am 15.2. beginnen könne und der Angestelltenrat sich dieserhalb mit der Betriebsleitung verständigen müsse.

Der Werkstattmeister Hornung erhält anstatt 12 -- 15 Tage Urlaub.

12 Unfall. In Frage kommt der letzte Satz dieses . Herr Dir. Unterberg erklärt, solange die Privatversicherungen, welche 1928 ablaufen, noch bestehen, sind beide (also diese und auch die Berufsgenossenschaft) zahlungspflichtig.

14 Wohnungswesen: H. D. Unterberg erklärt, daß man Orts- und Teuerungsklassen unterscheiden müsse. Mörs und Homberg gehören in beiden Punkten zu Klasse 3 b

Zu Punkt 3. Stgr. Bäumer und Stgr. Hagedorn werden als Reviersteiger verpflichtet. Daraufhin streift Stgr. Weitz die Betriebs-

führerfrage. Nach kurzer Besprechung dieser Angelegenheit und nachdem H. Dir. Unterberg erklärte, daß diese Sache noch nicht spruchreif sei, wurde zu

Punkt 4 übergegangen.

Hier wurden zuerst wieder schon einigemal gestellte Anträge vor- gebracht, wie Licht und Stall des Stgr. Dern, das Einteilen des Gartens und der Wiese auf Giesenhof, Landverteilung und Aufstellen von Richtlinien für die Instandsetzung der Dienstwohnungen.

H. D. Unterberg erklärt, daß an Neuausführungen gleichviel welcher Art, vor der Hand nicht zu denken sei, betreffs der Lichtanlage zur Wohnung des Stgr. Dern trage die Zeche keine Schuld, sondern die Gemeinde. Zur Aufstellung von Richtlinien wird ein Plan aufgestellt, der das Einverständnis der Anwesenden findet. Der Plan wird in das Protokollbuch, wie er von der Direktion mitgeteilt worden ist, niedergelegt.

Richtlinien für die Instandsetzung der Beamtenwohnungen

I. Inneninstandsetzung

 

Innenanstrich

Türen und

Fenster

Treppenhaus

Küche

Wohnzimmer

Flur

Schlafzimmer

besseres

Zimmer

Keller

Speicher

Kalk- und Leimfarbenanstrich

 

4 J.

2 J.

     

3 J.

Ölanstrich

6 J.

6 J.

3 J.

       

Fußbodenanstrich

 

2 J.

1 J.

2 J.

4 J.

3 J.

 

Deckenanstrich

   

2 J.

2 J.

4 J.

4 J.

 

Tapetenerneuerung

 

6 J.

3 J.

5 J.

6 J.

6 J.

 

II. Außeninstandsetzung

Kalkanstrich alle 4 Jahre

Anstrich des Verputzes " 4 "

" der Fenster, Türen und sonstigen Holzteile 3 Jahre.

Zu Punkt 5. Im Prinzip sind sich beide Teile einig, die Lehrkameradschaften werden in Kürze gebildet.

Zu Punkt 6 Zur Erhöhung der Arbeitsfreudigkeit wird von Seiten der Angestellten das Einführen von "Generalgedinge" vorgeschlagen. H. D. Unterberg steht diesem Antrag sympatisch gegenüber und verspricht in der nächsten Zeit bei einer Grubenfahrt, an die sich der Stgr. Weitz anschließen soll, diesen Punkt an Ort und Stelle nochmals zuu prüfen. Weiter wird auf das Einstellen der vielen jugendlichen Arbeiter und das beschäftigen derselben über Tage am Schacht und auf der Verladung hingeweisen, mit dem Bemerken, daß die flotte Abwicklung der Förderung darunter viel zu leiden habe. Außerdem soll das Verlegen der kräftigen Leute vom Tages- zum Grubenbetrieb etwas vorsichtiger gehandhabt werden, weil gerade dadurch dem Tagesbetrieb die kräftigen Leute entzogen werden.

Zu Punkt 7 wird eine andersweitige Regelung der Fettkartenausgabe für die Pflichtüberschichten vorgenommen, das Schreiben der Ausweisscheine in der Grube fällt fort. Die Leute erhalten die Fettmarken gegen Abgabe ihrer Marken-Nummer ungewaschen (also wenn sie herauskommen) an einem Schalter der Steigerstube.

Das Einbauen einer Ventilation in der Steigerstube ist in Auftrag gegeben.

Der Vorsitzende: [gez.] Weitz Der Schriftführer [gez.] Kohlstadt

Das Protokollbuch des Angestellten-Rates endet mit der Sitzung vom 28.12.1922. Da solche Unterlagen üblicherweise nicht erhalten geblieben sind, stellt dieses Buch eine wichtige Quelle für die Sozialgeschichte unserer Heimat in der Zeit der Weimarer Republik dar.

Veröffentlicht Jahrbuch Kreis Wesel 1994. Nutzung, auch auszugsweise, nur unter Beachtung der gängigen Zitierweisen.

 


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